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INTERVIEW
mit dem HEYNE-MAGAZIN
Heyne: "Frau Winter, Sie sind Puppenspielerin von Beruf. Wie
wird man Puppenspielerin und wie sieht Ihr beruflicher Alltag aus?"
Maren Winter: "Heute kann man Puppenspiel an mehreren Hochschulen
studieren, doch vor 20 Jahren hatte ich in Westdeutschland nur die
Möglichkeit, an etablierten Puppentheatern mitzuarbeiten, wie
z.B. am Marionettentheater Fey in Lübeck und zu hoffen, so
viel wie möglich zu lernen. Außerdem gab es weiterbildende
Seminare.
Inzwischen betreibe ich mit meinem Mann ein Tourneetheater und spiele
verschiedene Stücke im ganzen deutsprachigen Raum. Puppenspiel
ist äußerst vielseitig, und bei jedem Stück, bei
jeder Figur kommen Herausforderungen hinzu. Ist z.B. die Frage nach
der Aussage geklärt, gilt es herauszufinden, mit welchem Material,
welcher Technik, welchem Stil diese spezielle Situation am besten
auszudrücken ist.
Fertig wird ein Stück durch die beste Vorbereitungen jedoch
nie. Theater ist ohne Publikum nicht denkbar, ja, es entsteht erst
mit den Zuschauern gemeinsam und wird so bei jeder Aufführung
wieder neu geschaffen. Das ist ein spannender Alltag, finde ich."
Heyne: "Auf Ihrer Bühne erzählen und interpretieren
Sie Geschichten anderer Autoren. Wie kamen Sie dazu nun eine eigene
Geschichte zu erzählen?"
Maren Winter: "Auch
auf der Bühne spielen wir teilweise eigene Geschichten, wenn
uns ein Thema besonders am Herzen liegt.
Der Roman aber entstand aus einem Mangel an Büchern. Wir lebten
einige Jahre in Finnland, und die fremdsprachliche Lektüre
empfand ich eher als Übung, sie entspannte mich nicht. So fing
ich an, zu meiner eigenen Unterhaltung aufzuschreiben, was ich eigentlich
lieber gelesen hätte."
Heyne: "In "Das Erbe des Puppenspielers" lassen
Sie einen Puppenspieler die Fäden der Geschichte ziehen. Damit
knüpfen Sie an ihr eigenes Leben an, worin aber liegen die
Unterschiede im Leben eines Puppenspielers damals und heute?"
Maren Winter: "Der
größte Unterschied liegt wohl darin, dass wir in einer
individualistischen Gesellschaft leben und es für natürlich
halten, nach persönlichem Glück und Selbstverwirklichung
zu streben. Wer einen künstlerischen Beruf wählt, verliert
dadurch nicht gleich sein Ansehen, im Gegenteil, er genießt
die Freiheit sich auszudrücken und kann sogar einige Anerkennung
gewinnen, wenn er ein Publikum für seine Ideen findet.
Damals waren die Menschen unausweichlicher in ihre Lebenssituation
eingebunden. Ihr Platz in der Gesellschaft, Naturereignisse und
der Glaube an Gott und die Kirche bestimmten das Dasein. Und diese
"höhere" Ordnung wurde nicht in Frage gestellt.
Spielleute mögen eine Ausnahme gewesen sein, denn sie waren
weder ortsgebunden noch gehörten sie einer Schicht wirklich
an und wurden deshalb mit einiger Skepsis betrachtet. Sie wählten
ihre Tätigkeit weder aus Neigung noch aus Berufung, sondern
wohl meistens aus Not. Vermutlich brauchten sie sich aber nicht
um Zuschauer zu sorgen, denn als Reisende stellten sie eine außergewöhnliche
Informationsquelle dar."
Heyne: "Das Erbe des Puppenspielers" spielt im Mittelalter,
dabei beschreiben Sie die Vorgänge so farbenprächtig und
lebendig, dass man meinen könnte, sie seien dabei gewesen.
Wie kamen Sie auf die Idee, Ihren Roman in der Zeit Karls des Großen
anzusiedeln?"
Maren Winter: "Den Anstoß zu gerade dieser Geschichte
gab der Treueeid, den jeder freie Mann an Karl den Großen
zu leisten hatte. Ein gesprochenes Gelöbnis bedeutete zu der
Zeit lebenslange Bindung, und wer sein Wort brach, musste mit dem
Verlust seines Seelenheils rechnen. Es reizte mich, einen Spielmann,
zu dessen Handwerk ja die Täuschung gehört, mit diesem
Eid zu konfrontieren. So entstammen die Kapitelüberschriften
den Zeilen des Schwures und beschreiben gleichzeitig die Etappen,
welche die Hauptfigur in ihrem Leben durchläuft."
Heyne: "Und ganz nebenbei erfahren Ihre Leser fesselnde
Zusammenhänge und historische Hintergründe. Wie haben
sie die historischen Fakten recherchiert?"
Maren Winter: " Die Quellenlage ist im frühen Mittelalter
zwar einigermaßen übersichtlich aber auch oft widersprüchlich.
Die Schrift war nur Wenigen zugänglich, und diese widmeten
sich bedeutenden Ereignissen, welche die Kirche oder die Krone betrafen
und richteten sich inhaltlich nach den Wünschen ihrer Auftraggeber.
Über das Alltagsleben oder gar über Theaterformen zu schreiben,
war nicht wichtig genug, außer wenn es sich um Ermahnungen
handelte. Doch Begebenheiten, zu denen sich die Quellen spärlich
äußern, waren mir genauso lieb, denn hier durfte meine
Phantasie einsetzen.
Anfangs stapelten sich die allgemeinbekannten Bücher übers
frühe Mittelalter auf meinem Schreibtisch, dann wertete ich
deren Quellenangaben aus, stöberte schließlich in Doktorarbeiten
und telefonierte mit Fachleuten über ganz speziellen Themen.
Bei all dem hat mir die Bibliothek in Mariehamn (Åland) sehr
geholfen und tatsächlich aus Stockholm, Helsinki und Oslo das
meiste besorgen können, was ich für die Recherche brauchte.
Da wir außerdem auf unseren Tourneen weit herumkommen, lerne
ich viele Städte kennen und konnte mich auch vor Ort informieren."
Heyne: "Können Sie sich vorstellen, "Das Erbe des
Puppenspielers" auch ein Mal auf ihrer Bühne zu erzählen?"
Maren Winter: " In diesem Fall kann ich mir eher einen Film
vorstellen. Das Buch handelt von Menschen mit all ihren Facetten.
Diese darzustellen sind Schauspieler bestens geeignet, und es gibt
keinen überzeugenden Grund dafür, Figuren einzusetzen.
Das Medium Puppentheater arbeitet mit Überzeichnung und Abstraktion,
totes Material beginnt zu atmen und zu handeln, Unwirkliches kann
sichtbar werden. Das aber würde eine völlig neue Geschichte
werden ..."
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